Aus dem Fenster gefallen

Die Ausgangslage

Wegen der Schwells in Glommens Gästhamn, der mittlerweile eine zweite Festmacheleine zerfetzt hatte, wollte ich dort baldestmöglich weg. Am Samstag war das möglich. Es gab ein Zeitfenster von sechs bis siebzehn Uhr an dem der Wind abflauen sollte. Als der Wind dann am Samstag morgen tatsächlich nachließ, habe ich das Boot seeklar gemacht und bin so gegen achtuhrdreißig aufgebrochen. Mein Ziel war Halmstad ein größerer städtischer Hafen. Torekov war bei Südwind unerreichbar und ich brauchte einen Bankomaten, weil mir das Bargeld ausgegangen war, da der Händler in Glommen meine Bankkarten nicht einlesen konnte.

Die Situation auf See

Es war angenehmes Wetter bei SSW 3-4.
Das Problem war nur das der Wind aus südlichen Richtungen kam, also genau aus der Richtung in die ich mußte. Und es schob eine See von einem halben bis einem Meter aus dem Kattegat auf die schwedische Küste. Ich hatte vorher die achtquadratmeter Fock auf den Fochroller gezogen, damit war ich für die Windverhältnisse etwas untertakelt, es erschien mir aber Sicherer. Ich kam auf den Kreuzkursen, hoch am Wind halbwegs gut voran. Die Welle bremste meine Fahrt immer wieder auf ein bis zwei Knoten herunter. Wobei der dominantere Seegang aus dem Kattegat kam, also wenn ich einen Holeschlag nach Weste machte. Bei den Schlägen nach Südosten machte ich deutlich mehr Fahrt.
Am Mittag flaute es sogar für einige Zeit auf unter drei Beaufort ab und ich konnte mit der Maschine direkt nach Süden Fahren, bis weit in das Schießgebiet bei Tylöngrund.

Die Zuspitzung der Lage

Gegen fünfzehn Uhr nahmen Wind und Seegang wieder zu, sodaß ich wieder gegenankreuzen mußte. Es waren ungefähr drei Meilen bis zu dem Wgpunkt, bei dem ich das Kap und den Leichtturm bei Tylöngrund sicher passieren würde. Für diese drei Meilen brauchte ich drei Stunden.

Das war zum einen eine Folge des Kapeffektes, der Wind und Seegang vor Tylöngrund verdichtet hatte und meine Fahrt weiter ausbremste, zum anderen drehte der Wind weiter nach Südost und hat dem einen oder anderen meiner Holschläge die Wirkung genommen. Vielleicht gab es zusätzlich noch eine ungünstige Strömung, was ich aber nicht wahrnehmen konnte.

Im weiteren Verlauf

Als ich gegen achtzehn Uhr das Kap passiert hatte, konnte ich einen direkten Amwindkurs Richtung Halmstad nehmen. Nun war ich aber bereits aus dem vorhergesagten Windfenster heraus und es briste weiterauf. Eine Vielzahl der Wellenkämme hatte weiße Schaumkronen, was für mindestens fünf Beaufort stand. Dann, gegen neunzehn Uhr, zog eine Gewitterfront auf. Böen mit Sechs, Regen, Blitz und Donner. Nun gab es auf die Mütze. Ich war froh, das ich zu Beginn der Fahrt die kleinere Fock aufgezogen hatte. Die Selbststeueranlage, kam an ihre grenzen weil ich bei den wechselnden Windverhältnissen nicht schnell genug trimmen konnte und das Großsegel war noch nicht gerefft. Ich habe dann den nahen Sportboothafen Grötvik angelaufen. Das Groß weg, Diesel gestartet, Beleuchtung an und mit der Fock, weil der Hafen „mit dem Wind“ lag, in die versandete Einfahrt hinter die Mole gekachelt. im Schutz des Wellenbrechers konnte ich ein paar Leinen vorbereiten. Ein Schwede hat mir dann beim Anlegen geholfen und auch er war am Ende naß bis auf die Knochen.

Die Folgen

Einen nassen Satz Segelbekleidung, ein eingeweichtes Hafenhandbuch und ein paar feuchte Polster. Ich bin nicht in Seenot geraten, und es war auch nicht unkontrolliert oder unkontrollierbar. Trotzdem fühle ich mich besiegt und geschlagen.

Vom auf die Mütze bekommen

Eigentlich habe ich gehofft, weil ich sämtliche Mützen zu Hause vergessen hatte, bekäme ich auch keine drauf. Das hat aber nicht gewirkt.
Was ist das also, wenn man einen auf die Mütze bekommt.

Die ewige Kreuzerei vor Tylöngrund hat mich ziemlich zermürbt. Da war ich schon zehn Stunden unterwegs. Ich habe insgesamt für eine Strecke, die bei günstigem Wind fünfundzwanzig Meilen betragen hätte, siebenunddreißig Meilen benötigt. Also hätte ich die Strecke in sechs Stunden schaffen können, es waren aber fast Zwölf.
Als dann die Gewitter kamen, stieß ich dann schnell an meine Grenze. Sicher nicht das erste Mal in diesem Zusammenhang, aber auch sicher nicht das letzte mal.
Man, also ich, wird im übertragenen Sinne immer kleiner, wenn die Kräfte um einen herum immer gewaltiger werden. Das Szenario wirkt plötzlich bedrohlich. Die Dynamik nimmt zu und die Möglichkeiten zu reagieren werden scheinbar weniger. Man, also ich, ist beeindruckt von der Kraft, oder vieleicht auch etwas eingeschüchtert. Dieser Zustand ist als Einhandsegler noch schneller erreicht.
Wenn John Maynard, die Selbststeueranlage, das erste mal aufgibt, weil das Boot zu luvgierig wird, steht man, also ich, ziemlich einhändig da. Da macht sich schnell so ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit breit. Man kann ja nicht raus aus der Sache. Es gibt kein Rechtsranfahren und Pause machen. Man steht da, mit sich und der eigenen Angst.

„Auf die Mütze bekommen“ ist also irgendwie die Grenze gezeigt zu bekommen. Wenn du, also ich, weiter gehen willst, brauchst du ein besseres Boot oder eine Mannschaft. Meine Grenze ist bei Sechs mit Gewitter und Seegang in Legerwall deutlich überschritten. Der nahe Hafen und die kleine Achtquadratmeterfock waren mein Glück.

Andererseits liegt ein gewisser Reiz in diese Grenzerfahrung. Und letztlich kommt man als Segler immer wieder an diese Grenze, wo es keinen Spaß mehr macht, und man mit den Wetterverhältnissen umgehen muß. Das übt. Das gehört dazu. Scheitern, um daran zu wachsen. Durchbeißen und der ganze Schlonsens.
Nun, es ist aber auch unumstritten, wesentlich sicherer auf einem Segelboot der eigenen Angst nahe zu sein, als zum Beispiel mit zweihundertzwanzig auf der Ladstraße.

Also, leg ich mich immer mal wieder, gewollt oder ungewollt, mit Rasmus an, bekomme auf die Mütze und bin nächstes mal etwas vorsichtiger.

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Die Sechs Kilometer hin und die sechs Kilometer zurück zum Bankomaten, bin ich heute übrigens gelatscht, wehrend es da draußen mittlerweile mit Sieben weht.

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