Einhandsegeln

Einhandseglerlatein

Seit Wochen schreibe ich an diesem Artikel herum. Sicher weil ich beim Thema Einhandsegeln doch irgendwie tiefer in meine emotionale Backskiste hinab tauchen muss, als geglaubt. Es geht dabei ja auch immer um das Alleine sein. Deshalb beginne ich mal mit der Technischen Seite und versuche darüber zu ergründen, was ich am Alleinesegeln so mag.

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Was ist Einhandsegeln?

Einhandsegeln heißt für mich, mein Boot immer auch alleine führen zu können und zwar über weite Strecken. Also nicht unbedingt auf eine Crew angewiesen zu sein. Ein bisschen technische Ausstattung und eine etwas andere Manöverplanung gehören dazu aber vor allem eine etwas andere Einstellung zum Segeln.

Welche besondere Ausstattung ist nötig?

Das Thema halte ich kurz. Da hat jeder bestimmt seine eigenen Vorstellungen. Für mich ist eine gute Selbststeueranlage nebst Ersatzgerät unverzichtbar. Mehr Fender als nötig haben sich für mich bewährt. Gut finde ich Mittelklampen, Wurfleinensack und ein ständig einsatzbereites Beiboot. Eine Rollreffanlage finde ich praktisch. Die habe ich aber nicht, nur einen Fockroller.

Das Einhandsegler Kennzeichen

Ein Brauch aus Holland ist es, die Flagge Eins als Einhandsegler am Achterstag (nicht Sailing) zu führen . Das ist die konisch verlaufende „Japan-Flagge“ aus den Zahlen des Flaggenalphabets. Dieses Symbol für eine Einpersonenbesatzung kennen hier aber nur wenige.
Ich selber habe dieses Zeichen erst ein einziges Mal bewusst wahrgenommen. Wie zu erwarten war, natürlich bei einem holländischen Einhandsegler.
Ich führe dieses Zeichen nicht, weil ich so eine Flagge gar nicht habe. Hätte ich eine, würde ich das sicher mal ausprobieren.

Das andere Segeln

Einhand heißt für mich, dass ich nicht an die Grenzen gehen kann. Ich reffe eher als ich eigentlich möchte und ich werfe eher den Motor an als andere Crews. Ich brauche für alles mehr Platz und mehr Zeit. Darum fahre ich schon mal mit einem zu kleinen Vorsegel los, weil ich keine Lust habe, bei eineinhalb Meter See aufs Vorschiff zu müssen. Und Motoren finde ich auch ok, zum Beispiel wenn im Fahrwasser viel Verkehr ist, oder einfach nur um meine Kräfte zu sparen, weil ich eine Stunde eher im Hafen bin.
Aber die eigentliche Herausforderung ist das An- und Ablegen. Oberstes Gebot ist dabei, alles was irgendwie schnell gehen muss ist schlecht, birgt Gefahren und sieht blöd aus. Alles so langsam wie es irgendwie geht. Treiben bedeutet nicht automatisch Manövrierunfähigkeit und der Rückwärtsgang ist keine gute Bremse.
Beim Ablegen verhole ich mich gerne aus der Box, zumindest soweit, dass möglichst wenig Leinen losgeworfen werden müssen. Und wenn es nicht anders ging, bin ich auch schon rückwärts aus der Boxengasse gefahren, wenn das Boot sich nicht ausrichten lässt. Besser als in den Pfählen festzuhängen.
Um Fender und Leinen kümmere ich mich dort, wo ich Platz und Zeit habe. Treibend im Vorhafen oder bei langsamer Fahrt weiter draußen.
Und beim Anlegen mache ich das ganz genauso.
Das dauert eben seine Zeit.
Mittlerweile fahre ich oft erst in den Hafen. Geschützt vom Wellenbrecher treibe ich dann da wo viel Platz ist. Ich benzel einen Fender an, richte das Boot von neuem aus und nehme den nächsten Fender oder die nächste Leine.

Wenn alles klar zum Anlegen ist, fahre ich solange durch die Boxengassen, bis ich die richtige Box habe und auch nie gleich in diese hinein. Ich kreise vor der Box solange, bis ich ein gutes Gefühl habe.
Wichtig für die Entscheidung für eine geeignete Box sind immer Führungsleinen oder ein festliegendes Boot in Lee, deshalb auch so viele Fender. Denn den Bug kann ich beim Belegen der Heckleine nicht mehr kontrollieren.
Das Anlegen sollte sein wie ein Aufschießer möglichst ohne Motor.
Eine Heckleine reicht mir oft erst einmal aus. Die Zweite bringe ich dann mit dem Beiboot aus oder verhole.
In meiner eigenen Box habe ich abgehängte Heckleinen. Damit geht es wie von selbst, weil ich nicht den Steg rammen kann. Zur Not lasse ich den Gang drinnen.
Eine der Vorleinen lege ich immer vorne um den Bugkorb, damit sie jemand vom Steg aus greifen kann, sofern ich Hilfe habe. Die zweite ist für mich und etwas weiter hinten griffbereit.
Treibe ich doch einmal zurück in die Reihe der Pfähle, also wieder weg vom Steg, kann ich mit dem Wurfleinensack immer noch eine Landverbindung herstellen, vorausgesetzt jemand steht am Steg.
Längsseits anlegen mache ich mit der Mittelklampen und nur einer Leine, Bug und Heckleine folgen später.
Längsseits am Steg der Boxengasse anlegen und dann mit dem Beiboot an die Pfähle verholen geht auch gut, habe ich auch schon gemacht.
Ich liege eben lieber an Pfählen als später im Päckchen.

Einhandsegeln zu zweit

Also wenn zum Beispiel meine Freundin mit segelt, bin ich auch irgendwie als Einhandsegler unterwegs. Auf einem Boot zu sein und auf dem Meer zu segeln, ist für Heike Abenteuer und Herausforderung genug, sie hat kein großes Interesse daran auch noch segeln lernen zu müssen.
Das ist eben mein Ding.
Als Nichtsegler empfindet sie und sicher auch andere, einen nicht zu unterschätzenden Kontrollverlust, der mit der Windstärke zunimmt.
Und ehrlich gesagt kenne ich dieses Gefühl auch, obwohl ich weiß, was ich bei Starkwind zu tun habe. Aber auch ich bin irgendwann überwältigt von der Kraft die in dem Wind steckt, dem ich ausgesetzt bin. Als Segler nenne ich das dann, einen auf die Mütze bekommen. Fühlt sich eben einfach nicht gut an.
Trotzdem segelt Heike gerne mit mir mit, aber das ist dann Urlaub, der sollte nicht stressig sein. Natürlich legen wir zusammen ab und an, sie steuert durch das Fahrwasser oder zum Ankerplatz. Aber eben alles ohne Leistungsdruck und Stress. Und das gelingt uns gut.

Das Geheimnis der Einhandsegler-Regel für Gäste an Bord

Ich nenne das für mich die Einhandsegler-Regel.
Der Gast ist nie schuld.
Egal welchen Fehler er macht. Wenn ein Manöver misslingt, dann habe ich es eben nicht gut genug erklärt oder ich bin zu planlos an die Sache herangegangen.
Ich meine damit, die Verantwortung für das Manöver liegt zu einhundert Prozent bei mir und damit auch die Pflicht, selber so zu fahren, dass ein Fehler des Mitseglers gar nicht erst zum Problem wird.

Ist Einhandsegeln gefährlicher?

Eins ist klar, über Bord fallen darf ich nicht.
Das kann auch schon mal tödlich ausgehen, wenn das eigene Boot einfach ohne mich weiterfährt.
Dann mache ich das eben auch nicht, also das über Bord fallen meine ich.
Ich picke mich schön ein, halte den Kopf unten – und mich selbst gut fest.
Ich mache nicht ganz so lange Schläge, oder mal einen Tag Pause.
Immer schön warm Anziehen, genug essen und trinken hilft auch.
Wenn ich im Cockpit dösen möchte, versuche ich mir immer einen Wecker zu stellen. Alle zehn Minuten einen Rundumblick, finde ich durchaus sinnvoll.
Ich persönlich glaube trotzdem fest daran, dass die Autofahrten nach Maasholm vor und nach jedem Törn, der mit Abstand gefährlichste Teil meiner Reisen sind.

Bin ich einsam, wenn ich alleine segel?

Wer mit dem Alleine sein nicht klarkommt und es nicht aushält, sollte besser nicht alleine segeln.
Ich bin da aber eher anders veranlagt. Ich suche durchaus dann und wann die Einsamkeit, wenn auch nur vorübergehend. Ein paar Tage mit mir ganz alleine empfinde ich als angenehme und heilsame Erfahrung.

Ansonsten stehe ich in vielfältigem Kontakt. Natürlich melde ich mich Zuhause.
Weiterhin habe ich durch die Leser dieses Blogs, Facebook oder Twitter eine Kommunity von virtuellen Mitseglern, die gerade auf meinen Törns meine Erlebnisse kommentieren oder liken.
Und das wiederum dazu doch mal den Hintern hoch zu bekommen, um loszugehen und etwas Neues zu erleben, zu fotografieren und darüber zu berichten.
In den Häfen bin ich alleine auch noch eher mal bereit für eine Plauderei oder um Rat und Informationen zu fragen. Man kommt alleine sogar leichter ins Gespräch mit Anderen.
Und manchmal klappt es sogar mit einer Verabredung mit anderen Seglern die man so kennt, sei es persönlich oder aus dem Netz. So wie letztes Jahr mit Stefan und Karsten in Ærøskøbing oder mit Ilona und Joachim vor Schleimünde auf dem Wasser.

Was mir am Einhandsegeln nicht gefällt?

Was mich am Einhandsegeln eher stört, ist das ganze Geraffel, das man ganz alleine erledigen muss.
Nur eben mal Wasser kochen, waschen, Kaffee zubereiten, Logbuch schreiben, Seekarten vorbereiten, Wetter einholen, Frühstück machen, abräumen, wieder Wasser kochen, abwaschen, wegräumen, aufräumen, Segel vorbereiten, Selbststeueranlage vorbereiten, Anker hochwuchten und schon geht es los.
Wenn ich ordentlich und schnell bin, brauche ich vom Aufstehen bis ,sagen wir mal, zum Ankeraufmanöver gute zwei Stunden. Das geht zu zweit viel schneller. Uns ich genieße es dann auch.
Alleine Essen zu gehen finde ich übrigens auch doof.

Was mir am Einhandsegeln gefällt?

Es ist die Freiheit. Ich muss niemanden fragen, was die Voraussetzung für den nächsten Punkt ist.

Was mir das Alleinesegeln gibt?

Das was ich am Alleinesegeln wirklich genieße ist das Treibenlassen. Nach wenigen Tagen stellt sich ein stetiger Fluß aus innerer Ruhe ein.
Ein Dahingleiten im Einklang mit dem Boot und mir, dem Wetter, den Wellen und der See, der Landschaft und der Natur.
Und nur noch das ist dann wichtig. Die Weltnachrichten sprechen mich nicht mehr an, eher fiebere ich danach, wie mein Hörbuch weitergeht.
Das Wetter bestimmt den Tagesablauf. Geht es heute weiter oder nicht und wohin, hängt von Windrichtung und Stärke ab.
Und je nach Tagesform lasse ich mich vom Wind tragen, oder stemme mich gegen Wind und Welle. Oder ich lasse es eben sein und warte einen besseren Tag ab.
Ein Abtauchen in eine andere Geschwindigkeit und Zeitwahrnehmung in eine andere Wertigkeit und ein anderes Leben, das Seglerleben, führen mich dann ganz nah zu mir selber.

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5 Antworten zu Einhandsegeln

  1. sieben (Susanne) schreibt:

    netter Artikel! Wenn’s recht ist, klaue ich deine Fragen und blogge etwas ähnliches mit meinen Antworten?

  2. 12seemeilen.de schreibt:

    Sehr guter Artikel!
    Tolle Einleitung zum Thema. Neben den technischen Fragen die man sowieso berücksichtigen sollte, gefällt mir persönlich die Behandlung der psychologischen Faktoren, Einsamkeit und Einhandsegeln zu zweit, die oft vergessen werden, besonders. Daumen hoch, nicht zuletzt für die Ananas!
    LG

  3. Joe schreibt:

    Tach auch,
    segele auch (meistens) allein. Allerdings meist nur Feierabendtörns auf der Elbe (2010 mal eine größere Tour gemacht).
    Was ich hasse: die tollsten Momente nicht teilen zu können.
    Was ich liebe: einfach mal ein paar Stunden mit mir ganz allein zu sein.
    LG
    Joe

  4. docstefanschneider schreibt:

    Hi Max,

    ich bin sehr dankbar für diesen Text und würde vieles ganz ähnlich sehen – einiges anders.
    Habe jetzt auch ein ganz ähnliches Boot und will mich in diesem Jahr auch langsam da rantasten.
    Wahrscheinlichh sollte ich das mir bekannte Revier Stettiner Haff / Achterwasser / Greifswalder Bodden nehmen und von dort aus weitere Kreise ziehen … denke ich mir so, wenn ich Deine Ausführungen lese.
    Vielleicht sehen wir uns in 2015 irgendwo auf der Ostsee …
    Gruss
    Stefan

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